Der Ekel

Nein, heute geht es nicht um das berühmte Buch von Sartre „Der Ekel“, sondern um das Gefühl, die Empfindung selbst.

Es ist eine sehr ursprüngliche Empfindung. Alle Menschen haben sie im Laufe ihres Lebens schon mal kennengelernt. Mehr noch – selbst von vielen Tierarten sind scheinbare Äußerungen von Ekel bekannt. So „allgemeingültig“ ist diese Emotion.

Arbeitet man nun in einem medizinischen oder einem pflegerischen Beruf, ist das Thema vielfach heikel. Von vielen Seiten strömt eine gewisse Erwartungshaltung auf uns ein, sich nicht zu ekeln. Vor nichts. Da sind die Erkrankten selbst, deren Angehörigen, aber auch Kollegen und nicht zuletzt: Die innere kleine stolze Stimme in uns selbst, die uns zuflüstert, was für ein abgebrühter, harter Schweinehund wir doch sind. Alles habe man ja schon gesehen. Und dann kommt er doch. Der Augenblick, in dem wir angesichts eines madenzerfressenen Ulcerus bei einem obdachlosen Patienten, unser Frühstück erneut am Gaumen schmecken.

Was nun?

Ein guter Anlaß über den eigenen Umgang mit dem Ekel nachzudenken. Wichtig hierbei wäre es zunächst die einzelnen Erwartungen, Bedürfnisse und Emotionen der beteiligten „Parteien“ auseinanderzuhalten.

Am Besten startet man bei sich selbst. Es ist nämlich auch im Pflegeberuf niemandem gedient – auch nicht dem Patienten mit der ausgeprägten Schuppenflechte oder dem KAPOSI-Sarkom (oder, oder, oder…) – wenn Euch komplett das Gesicht beim Betreten des Zimmers entgleitet. Wer sich hier im stillen Kämmerlein eingestehen muss, dass er Hauterkrankungen, den Geruch von zerfallenen Tumoren sowie zahlreiche andere Krankheitsaspekte eklig findet, einen inneren Impuls zur Flucht empfindet oder ähnliche Stimmen in seinem Inneren sich melden, sollte darüber nachdenken, ob eine andere Fachrichtung besser gewählt wäre. Ich sage nur: Kardiologie ist echt spannend und der ein oder anderen Kollegin mag auch Gynäkologie liegen…

Alles ist besser, als sich weiter in dieser traurigen mangelnden Passung zu suhlen.

Auf der anderen Seite gibt es bestimmt Situationen und Erwartungshaltungen von Angehörigen oder auch Patienten selbst, die auch vom zähesten Magen eines Pflegers/einer Pflegerin Unnötiges verlangen. Alles hat zwei Seiten.

Unser Gegenüber

Wichtig wäre auch ein Versuch sich in den Alltag unseres Gegenübers einzufühlen.

Habe ich eine offensichtlich krank aussehende Haut, ein paar Finger zu wenig oder suppt mir kontinuierlich Sekret aus z.B. einem Tracheostoma, habe ich alle Seele voll zu tun mit der Situation als solche überhaupt fertig zu werden. Geschweige denn mit den Blicken, dem Abwenden, Ausweichen oder vielleicht auch dem Mitleid, welches ich eigentlich gar nicht will. Ich würde ALLES drum geben, einfach mal rausgehen zu können ohne all dies. An der Kasse zu stehen. Ohne dass die Kassiererin bei der Geldübergabe angesichts z.B. meiner Exzeme an der Hand schon das Desinfektionsfläschchen unter dem Tisch zückt… Das und sicherlich so viel anderes, das sich ein gesunder Mensch wie ich gar nicht erst einfallen lassen kann, prägt das Verhältnis unserer Patienten zum Alltag und zu der Frage des Ekels.

Wendet sich dieser Patient nun an die Profis bzw. ist es sicherlich nicht zuviel verlangt, dass die pflegerischen wie medizinischen Kollegen sich über diesen Aspekt Gedanken gemacht haben.

Klar, soll die Meßlatte auch nicht heiligengleich hoch hängen. Meiner Ansicht nach ist es für eine reflektierte und sonst eher unempfindsame Fachkraft, keine Schande, sich einzugestehen, dass eine spezielle individuelle Kombination aus Krankheitsausprägung und Symptomen (wie Geruch, Aussehen…) eine Herausforderung zu viel darstellt. Professionellerweise kann sie hoffentlich ggf. mit einer Kollegin Patienten tauschen, statt sich selbst und Betroffene unnötigen Situationen auszusetzen. Ich wünsche mir für jeden von Euch, dass Ihr bei solcher Situation den nötigen Mut habt.

Mit kollegialem Gruß in die Runde

Kasia

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