Plädoyer für individuelle Ritualisierung

Ich denke uns ist allen schon mal der Satz begegnet: “Das haben wir schon immer so gemacht“. Eine Aussage, die mir zumindest sowohl in der Pflege als auch in der Consultingtätigkeit immer wieder entgegen kam.

Sie bezieht sich auf eine – oft in Zeitnot abgegebene – Erklärung von Ritualen oder Gewohnheiten.

Um sich der Frage, wieviel Ritual in der Pflege gut und vor allem auch nützlich ist, zu nähern, gebe ich Dir einige Hintergrundinformationen – was ein Ritual ist – wieder und widme mich der Überlegung, ob und wie Rituale änderbar sind.

Per definitionem

Zumeist findet sich diese Bedeutung als Definition wieder:
Aus psychologischer Perspektive ist ein Ritual ein starre Abfolge von Handlungsschritten. Rituale dienen einerseits der Überhöhung des Erlebens, andererseits der Stabilisierung und Festigung der Person und können als Gewohnheit in den Alltag integriert sein.
Wann und warum eine positive Gewohnheit in eine Marrote oder gar ein Zwangsverhalten kippt, ist eine spannende Fragestellung, der ich mich gern ein einem separaten Artikel widmen werde.

Die wiederkehrenden Bewegungs- und Handlungsabläufe oder Worte werden individuell oder gesellschaftlich mit ganz bestimmten Personen oder Rollen in einer ganz bestimmten Bedeutung verknüpft.

Wir kennen aus den Religionswissenschaften kultische Bräuche wie z.B. den Gottesdienst. Anthropologen bezeichnen Zeremonien als Rituale. Zeremonien, mit denen zum einen die Gesellschaft wiederkehrende Phasen eines Jahres feiert – Jahreswechsel oder Fasching – zum anderen auch auf familiärer Ebene Handlungen rund um Hochzeiten oder Geburtstage.

Auch Spielhandlungen haben oft den Charakter von Ritualen. Hierzu schrieb kürzlich ein Gerrit von Alles-ist-Zahl einen phänomenalen Artikel am Beispiel von Rollenspielen.

Aus den Beispielen und der Definition wird ersichtlich, dass Rituale etwas Angelerntes sind.  Somit sind sie beeinflussbar, frei wählbar und auch – gerade im Falle einer doch sehr spleenigen Marotte – auch wieder umlernbar.

Alltagsbeispiele fürs Private

Für den privaten Alltag schreiben regelmäßig Achtsamkeitsblogger schöne Beiträge aus denen ich für Alltagsbeispiele gern schöpfen möchte.
So zum Beispiel ein brandneuer Anti-Stress-Blog Fräulein Stressfrei.In diesem Beitrag beschäftigt sie sich mit ihrer Morgenroutine und der entstressenden Wirkung von kleinen ritualisierten Handlungen in ebendiesem. Auch Afschin als Autor, Blogger und AntiJammerer hat schöne Lösungsansätze für Dich parat :-).
Ein anderer semi-privater Bereich, der von Ritualen profitieren kann, ist das die Schnittstelle zum Job. Ivan als „neuer Zeitmanager“ widmet sich dieser.

Ob nun Teekochen, Kaffee am Fenster, 5 Minuten Zeitunglesen oder 10 Minuten Yogaasanas…es ist endlos. Wir aber – sprich Du und ich-  wollen nun die Rituale in der Pflege betrachten.

Pflegerituale

Beispiele aus dem Krankenhaus oder Heim könnten sein:
Zum einen die gemeinsame Teampause um x Uhr oder die Zigarettenpause mit der LieblingskollegIn um x Uhr…. zum anderen die Temperaturkontrolle bei allen Patientinnen und Patienten in den frühen Morgenstunden oder das Beziehen von Betten nach einem ganz bestimmten Muster zu genau festgelegten Zeitpunkten…

Viele dieser Handlungsabläufe kennen alle Pflegenden im Schlaf und sie bleiben stets gleich. Das erleichtert uns allen die tägliche Routine, klar. Leider ist zumindest letzterer Art Ritual oft gemein, dass sie PatientInnen und BewohnerInnen weniger als Individuen behandeln. So bekommt der Begriff Ritual einen sehr bitteren Beigeschmack.

Gibt es auch andere?

Ich behaupte, dass es abgesehen von diesen „großen“ Ritualen des Pflegealltags auch die kleinen Dinge geben kann, die Euch und Euren Patienten Halt und Sicherheit im Sturm des Personalmangels und der Standardisierung geben können.
Klar, viele Aspekte sind heutzutage auf Grund von Personalmangel nicht zu realisieren bzw. sind eine Frage von gut durchdachten Prozessen und unterstützenden Instanzen wie „Grüne Damen“, eine(r) PDL (die nicht nur nach unten tritt) oder andere Ehrenämtler.
Ohne die ist eine Umsetzung von Morgenkaffee, 10 Minuten Atemübungen am offenen Fenster oder auch eine Morgenzeitung für den ein oder anderen Patienten nicht umsetzbar.

Wie sieht es denn in der einzelnen pflegerischen Handlung aus?

Wäre es denkbar, das Zurechtstellen von Alltagsgegenständen, Begrüßungsrituale am Morgen, Raumbetretungsrituale und/oder zeitliches Umschieben von Mahlzeiten auf einen individuelleren Rhytmus für jeden Euch bekannten Bewohner (oder gar Krankenhauspatient) so zu gestalten, dass sich kleine Rituale einpendeln?
Wenn Zeit fehlt: Lassen sich andere Dinge – ev. sinnlose Handlungshülsen – weglassen?

Gerade in der Arbeit in der Altenpflege (v.a. wenn sich dementielle Syndrome den Weg bahnen) können Ritualisierungen nicht nur für einen entspannteren Umgang miteinander sorgen, dem/der BewohnerIn Sicherheit vermittlen. Werden einige Sorgen“kinder“ entspannter, so steigt die Hoffnung auf etwas mehr Handlungsspielraum für den Pflegenden. Nicht zuletzt fördern Rituale ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Und dies gilt für alle Beteiligten.

Nachteile?

Wie bereits oben angedeutet, können auch negative, energie- oder zeitraubende Gewohnheiten oder auch individualitätsfeindliche Handlungen durchaus Rituale sein/gewesen sein. Hier braucht es Gegenrituale, die durch den regelmässigen „Schritt zurück treten“ als Team und Abläufe/Handlungen mal „von oben“ betrachten.

Was steckt hinter dem mühsamen Ändern und dem „war doch immer so“?

Mit Sicherheit steckt schon mal keine Boshaftigkeit dahinter. Bzw.in den selteneren Fällen. Meist erleben Kollegen, die mit einer – aus Eurer Sicht spannenden – Neuerung und einem Umlernvorschlag für ritualisiertes Verhalten kommen, gemischte Reaktionen. Einige Kollegen werden dies begrüßen, von anderen kommt nichts oder sogar scheinbares Unverständnis bis hin zu Widerstand.

Es können sich subtil versteckte Ängste, grundsätzlicher Energiemangel einzelner Teammitlgieder (man weiß ja auch nicht immer was für Päckchen diejenigen sonst noch so rumschleppen), Versagensbedenken, Lernängste oder auch mal hier und da Bedenken vor Kontrollabgabe dahinter verstecken.

Hilfreiches für einen Change

Hilfreich ist es, diesen Bedenken nicht mit verletzten Gefühlen, gegenseitigem Beleidgtsein und Angriff zu begegnen.
Änderungsbedenken sind wie ein Eisberg. Wie angedeutet, steckt ein Großteil der Bedenkensgründe „unter Wasser“ und so dauert es, bis man das Ganze freigelegt und den Eisberg geschmolzen hat.
Sprich: Lasst Euch allen Zeit, bleibt entspannt – jedoch unnachgiebig – dran. Akzeptiert die negativen Gefühle des/der Anderen. Sucht eher das (ev. 4-Augen)Gespräch, zur Klärung des genauen Wieso. Sucht nach anderen Informationsquellen, wieso diejenigen die „Blocken“ dies eben tun. Gibt es vielleicht auch sehr berechtigte fachliche Gründe und es könnten ganz neue Kompromisse gefunden werden…?

Hilfreich können auch bestimmte Fragestellungen an Euch und die anderen sein. Ich habe mich da von Ivans Blog anregen lassen. Um Euch selbst die Dringlichkeit einer Ritualänderung oder gar -neufindung zu verdeutlichen könntet ihr fragen:
Wie wird unsere Arbeit aussehen – oder der einzelne Handlungsprozess aussehen – in 5 Jahren, wenn sich nichts ändert?

Eine Ritualneufindung oder Gewohnheitsänderung für ALLE und ALLE Bewohner/Patienten einzuführen ist ein RIESENprojekt. Kein Wunder, wenn der ein oder andere sofort die Waffen streckt und wie erschlagen ist von der Idee. Nächste Frage sollte klein anfangen:
Schaffen wir es bei 2 Patienten (oder Bewohnern x&y) die neue Idee durchzuziehen?

Niemand mag Diktatoren! Lasst Entscheidungs und Zusammenarbeitsfreiraum. Was wäre so schlimm daran, wenn der Rest vom Team Eure Idee nicht 1:1 übernimmt, wenn dafür andere Ideen und Kompromisse, die etwas bewegen realisiert werden?

Abschließend freue ich mich von Euch zu lesen, welche Rituale Ihr in Eure Pflege (oder andere Tätigkeit) einfließen lasst?
Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem Thema?
Bin gespannt, Eure Kasia

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Ein Kommentar zu „Plädoyer für individuelle Ritualisierung

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