Patienten in Kategorien – ein no go oder doch nützlich?

Der „Auf-der-Klingel-steher“, der vom Selbstdiagnosedrang gepeinigte, der arrogante Privatpatient oder der Psychosomatiker, der vermutlich nicht wirklich etwas hat… Solche Bilder haben wir des öfteren in unserem Kopf. Gerade wenn es hoch hergeht und uns der mehr als schmale Personalschlüssel gerade wieder die Zunge zum Hals heraushängen lässt, verfallen wir gern in Einkategorisierung unserer Umwelt und damit auch der uns anvertrauten Patienten.
Ist das tatsächlich bei allen KollegInnen so? Und wenn ja, warum?
Ja, dieser kognitive Effekt ist uns tatsächlich allen zu eigen. Das Zuordnen von einzelnen Individuen zu unbewusst angelernten Schemata oder auch zu Schubladen, ist nichts Unnatürliches. Es handelt sich um einen kognitiven Automatismus, den unser aller Bewusstsein nutzt um Komplexität der Umwelt zu reduzieren und leichter Orientierung zu finden.

Aber halt!

Ich möchte Dir, liebe/r LeserIn, einen tieferen Einblick in diesen Mechanismus geben und dann gemeinsam mit Dir erwägen, welche Vor- und Nachteile dieses Verhalten mit sich bringt. Natürlich möchte ich auch gemeinsam mit Dir überlegen oder das alles auch „ok so“ ist…
Wie bereits oben angedeutet werden Wahrnehmungsschemata bereits von klein auf durch unsere Erziehung und Sozialisation geprägt. Dies trifft später auch auf unsere berufliche Sozialisation zu. Während unserer Lehrzeit erhalten wir bereits bewusst oder unbewusst jede Menge Informationen, die bestimmte Bilder in uns wecken und aufrecht erhalten. Kommentare erfahrener PflegerInnen prägen unsere Wahrnehmung von Patienten, die z.B. ihren ersten Tag auf Station durch sehr häufiges klingeln und zahlreiche – ev. schwer verständliche – Fragen auffallen.

Mechanismus

In der Psychologie fußt dieser Mechanismus auf der sog. Hypothesentheorie.
Diese besagt, dass unsere Wahrnehmung eines Gegenübers mit einer Erwartungsannahme beginnt, wie denn derjenige vermutlich ist. Zu der Annahme leiten uns sehr oberflächliche Reize verschiedener Ausprägung (z.B. Hautfarbe, soziale Rolle oder Gruppenzugehörigkeit usw.). Unser Wissensschatz ist so um eine Scheinkorrelation reicher. Je tiefer oder stärker eine Annahme – z.B. auf Grund früher entsprechender Sozialisation – in uns verankert ist, desto weniger bestätigende „Auslöser/Reize“ braucht sie, um in uns aktiviert zu werden, um dann wiederum unsere Wahrnehmung zu bestimmen.
Bereits kleine Dinge verleiten uns zu Gedanken wie: „Habe ich es doch gewusst…ein Hypochonder, wie er im Buche steht…“. Unser Gesprächspartner (Patient) wird es schwer haben genug Gegenbeispiele in seinem Verhaltensrepertoire aufzuzeigen, um uns vom Gegenteil zu überzeugen.

In der Praxis könnte ein Entstehungsbeispiel auch so aussehen:
Wenn ich während meiner Ausbildung zur Krankenschwester nur regelmäßig und deutlich genug das Augenrollen der Stationsschwester beim Anblick eines arabischen Patienten mit einem Anhang von mindestens sechs begleitenden Personen gesehen habe, desto tiefer sitzt die Erwartung, dass das immer so mit arabischstämmigen Patienten sein wird und stets in eine für mich als Pflegende(r) anstrengende Versorgung mündet.

Ihr merkt schon, Verallgemeinerungen sind bereits ein gutes Warnsignal, dass sich festgesetzte Bilder oder Vorannahmen ihren Weg bahnen.

Die oben gewählten Beispiele betrachtet bitte nur als ein bewusst plakativ gewählte von vielen.

Ausschlaggebend für die volle Entfaltung der Mechanismen der Hypothesentheorie sind auch kognitive vorhandene Wissensstrukturen, soziale Kategorien/Zuordnungen zu Gruppen aber auch die Motivation des Wahrnehmenden sind.
Haben wir wenige Wissensstrukturen zur Auswahl, bedienen grobe soziale Gruppenkategorien oder haben gerade keine Motivation/Energie für eine Einzelfallbetrachtung, ist ein Denken in Schemata oder gar Stereotypen sehr hilfreich. Wir entscheiden schneller und können schneller mit unserem (stressigen) Alltag weitermachen.

Welche Vorteile bringt es mir? Welche Nachteile?

Somit wären wir auch schon beim hauptsächlichen Vorteil dieser Mechanismen. VEREINFACHUNG!! VESCHNELLERUNG von z.B. Entscheidungsprozessen! Beides Dinge, die wir oft bitter nötig haben. Aber ist unser Verhalten fair, korrekt und dem tatsächlichen Wesen und Anliegen unseres Gegenübers angebracht?
Unwahrscheinlich.

Uns entgeht so der Aufbau von variierenden Wissensstrukturen über Menschen, uns entgeht die Chance mit etwas mehr Startanstrengung eine gute Lösung für mein Gegenüber anbieten zu können, uns entgeht das gute Gefühl fair und nach wissenschaftlichen Standards korrekt gehandelt zu haben.
Und es entgeht uns die Chance eigene innere Bilder aufzuweichen und einfach gute Interaktionen zu erleben, was nicht zuletzt ganz konkret eine ganze Handvoll weniger Konfliktgespräche mit Patienten oder Angehörigen bedeutet! 🙂

Empfehlungen?

Ich möchte Euch mit meinem Artikel mehrere Dinge vorschlagen:

1) Verteufelt Euch oder Eure KollegInnen nicht, wenn deutlich wird, dass nach einem Stereotyp entschieden/gehandelt wurde. Wie gesagt, unsere Natur legt uns diese Anlage in die Wiege.

2) Aaaaber: Nehmt die Erkenntnis als Warnzeichen innezuhalten und auf einen Neuansatz in der Interaktion mit dem betreffenden Patienten/In hinzuarbeiten. Verlangt hierbei weder von Euch noch von ev. stereotyp handelnden KollegInnen auf keinen Fall eine 180 Grad-Drehung. Das ist eher konterproduktiv und kann zu einem Bumerang werden. Schliesslich mag kein erwachsener Mensch belehrt werden oder den DuDu-Finger gezeigt bekommen.

3) Also: Kein Beschuldigen, kein Fingerzeigen.

4) Steter Tropfen höhlt den Stein. In kleinen Handlungen oder subtilem Hinweisen auf ev. dem Stereotyp gegenläufige Eigenschaften oder Handlungen des/der Patienten kann auf die sanfte Tour das beste Ergebnis erzielt werden.

5) Bin ich selbst derjenige, den ich beim Stereotypisieren „erwischt“ habe, so gilt dasselbe: Kein Druck, sei achtsam und sanft mit Dir selbst, aber wenn Du etwas durchgeatmet hast, hast Du sicher etwas Energie andere Aspekte an dem/der PatientIn in Dein Bild neu einzubauen.

Jetzt bin ich neugierig:
Konntet Ihr Euch in dem Artikel wiederfinden? Waren die Beispiele hilfreich? Was wünscht Ihr Euch von einem Artikel, der die Verhaltensmuster unseres Pflegealltags unter die Lupe nimmt…?

Freue mich auf Eure Kommentare!
Eure Kasia von PflegePsychologisch

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Ein Kommentar zu „Patienten in Kategorien – ein no go oder doch nützlich?

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